AnoMed: Forschung zu anonymisierten Daten

Der Europäische Datenschutztag am 28. Januar macht jährlich deutlich, dass Datenschutz weit mehr ist als eine rechtliche Pflicht. Er ist ein zentraler Baustein für Vertrauen, Innovation und den verantwortungsvollen Umgang mit Daten in Gesellschaft und Wirtschaft. Datenschutz wirkt dort, wo Daten sensible Informationen über Menschen enthalten – und das betrifft heute nahezu alle datenverarbeitenden Branchen:

  • Gesundheitswesen (Patientendaten, klinische Studien)
  • Finanzdienstleistungen (Transaktionsdaten, Kreditprofiling)
  • Mobilität & Smart Cities (GPS-, Verkehrs- und Mobilitätsdaten)
  • E-Commerce & Marketing (Konsumprofile, Kundenverhalten)
  • Industrie 4.0 (Produktionsdaten, digitale Zwillinge)
  • Künstliche Intelligenz (KI) (Trainingsdaten datengetriebener Systeme)

In all diesen Feldern stehen Unternehmen vor der gleichen Herausforderung: Daten sind ein zentraler Innovationsfaktor, zugleich aber hochsensibel. Insbesondere personenbezogene Daten dürfen nur unter strengen Voraussetzungen verarbeitet werden. Die Anonymisierung von Daten spielt hier eine Schlüsselrolle. Sobald Daten nachweislich keiner identifizierbaren Person mehr zugeordnet werden können, fallen sie nicht mehr unter die DSGVO – und eröffnen neue Spielräume für Forschung, Entwicklung und wirtschaftliche Nutzung. Genau an dieser Schnittstelle zwischen Datenschutz und Innovation setzt die Forschung am Hanse Innovation Campus Lübeck an. 

Forschung zu anonymisierten Daten auf dem Hanse Innovation Campus Lübeck: Das Kompetenzcluster AnoMed

Ein zentrales Beispiel ist das Kompetenzcluster „AnoMed – Anonymisierung für medizinische Anwendungen“, das von der Universität zu Lübeck geleitet wird. AnoMed ist ein bundesweit gefördertes Forschungsnetzwerk, in dem Wissenschaftler*innen aus Informatik, Medizin, Statistik und Rechtswissenschaft gemeinsam daran arbeiten, medizinische Daten so zu anonymisieren, dass sie sicher genutzt werden können – ohne ihren wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Wert zu verlieren.

Esfandiar Mohammadi: „Wir erforschen Werkzeuge, um besonders schützenswerte Daten, wie etwa medizinische Daten effektiv und verantwortungsvoll nutzbar zu machen. Dabei konzentriert sich unsere Forschung sowohl auf algorithmische, technische, als auch rechtliche Fragestellungen.“

Im Mittelpunkt steht eine Frage, die viele Unternehmen und Forschungseinrichtungen gleichermaßen beschäftigt: Wie lassen sich sensible Daten – etwa aus Krankenhäusern, Studien oder digitalen Gesundheitsanwendungen – nutzen, ohne Rückschlüsse auf einzelne Personen zuzulassen?

AnoMed verfolgt dafür einen systematischen Ansatz. Im Projekt werden nicht nur neue Anonymisierungsverfahren entwickelt, sondern auch konkrete Test- und Bewertungsumgebungen aufgebaut. In sogenannten Privacy Challenges werden reale medizinische Referenzdatensätze genutzt, um Anonymisierungsverfahren unter realistischen Bedingungen zu prüfen. Dabei wird untersucht, wie gut personenbezogene Merkmale geschützt sind – und gleichzeitig, ob die Daten noch für Forschung, KI-Training oder Produktentwicklung nutzbar bleiben.

Gerade für Kliniken ist dieser Ansatz relevant: Denn in der Praxis reicht es nicht aus, Daten „irgendwie“ zu anonymisieren. Entscheidend ist, wie belastbar die Anonymisierung ist, auch dann, wenn Daten mit anderen Quellen kombiniert werden oder moderne Analyseverfahren zum Einsatz kommen. AnoMed schafft hier Transparenz und Vergleichbarkeit – und liefert damit eine wissenschaftlich fundierte Grundlage für datenbasierte Innovationen.

Wie die Anonymisierung von Daten funktioniert

Anonymisierung bedeutet mehr als das bloße Entfernen oder verallgemeinern von Namen, Adressen oder anderen schützenswerten Merkmalen. AnoMed erforscht moderne Anonymisierungslösungen, die künstliche Daten erzeugen, welche ähnliche Zusammenhänge wie die Originaldaten aufweisen. Um Privatsphäre zu schützen, muss der Datenerzeugungsprozess so gebaut sein, dass die Daten von Einzelpersonen keinen zu großen Einfluss auf das Endergebnis haben. Dabei peilt das Projekt als Schutzbegriff sog. Differential Privacy an, welche fordert, dass der Einfluss einzelner Datenpunkte begrenzt ist.

Dabei geht es immer um einen Balanceakt: Je stärker die Anonymisierung, desto höher der Datenschutz – aber desto geringer oft der Informationsgehalt der Daten. Die Forschung in Lübeck arbeitet daran, diesen Zielkonflikt aufzulösen und praxistaugliche Lösungen bereitzustellen.

Esfandiar Mohammadi: „In unserer Forschung suchen wir nach geschickten Aggregationsstrategien, um maximal viel Zusammenhänge zu erhalten aber den Einfluss einzelner Daten zu minimieren.“

Transfer im Fokus

Projekte und Cluster wie AnoMed sind ein strategischer Enabler für Innovation. Anonymisierte Daten ermöglichen es,

  • neue digitale Gesundheitslösungen zu entwickeln,
  • KI-Systeme zu trainieren ohne Privatsphäre zu gefährden,
  • Produktions- und Prozessdaten sicher auszuwerten oder auch
  • das Risiko für datenbasierte Geschäftsmodelle handhabbar zu machen.

Gleichzeitig zeigt die Forschung: Anonymisierung ist kein Selbstläufer. Re-Identifikationsrisiken, komplexe Datenstrukturen und steigende Anforderungen an Transparenz machen fundierte, wissenschaftlich geprüfte Verfahren notwendig. Genau hier setzt die Arbeit von AnoMed und den beteiligten Institutionen am HIC Lübeck und deutschlandweit an – und schafft Orientierung für Unternehmen, die datengetrieben arbeiten wollen.

Projektpartner*innen

Das BMFTR und NextGenerationEU fördern dieses Verbund-Vorhaben mit insgesamt 17 Millionen Euro. Rund 8,2 Millionen Euro der Fördergelder fließen dabei direkt zu Forschungszwecken an die Universität zu Lübeck.

Projektlaufzeit

15.11.2022 bis 31.12.2028

Weiterführende Informationen

AnoMed Projektwebsite

Kontakt & Pressekontakt
Prof. Dr. rer. nat. Esfandiar Mohammadi
Wissenschaftlicher Leiter des Kompetenzclusters AnoMed
Tel.: 0451 3101 6609
Julia Hüschelrath
Kommunikationsmanagerin
Tel.: 0451 3101 1156
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