Innovative Minds #06
Prof. Dr. Martin Smollich

Wie entstehen Innovationen zwischen Praxis und Forschung? In unserer Reihe „Innovative Minds“ stellen wir Menschen aus Wissenschaft und Wirtschaft vor, die mit ihrer Arbeit Innovationen für die Hansebelt-Region vorantreiben. Diesmal: Prof. Dr. Martin Smollich Leiter AG Pharmakonutrition, Institut für Ernährungsmedizin am UKSH Campus Lübeck / Universität zu Lübeck.

Woran forschen Sie?

Wir erforschen, wie man Lebensmittel und Ernährungsinterventionen so individualisieren kann, dass davon jeder Mensch bestmöglich profitiert. Dazu gehören die Verbesserung von Rezepturen, die Entwicklung digitaler Anwendungen sowie klinische Studien, in denen es um den Effekt von Ernährung und Nahrungsergänzungsmitteln auf die Wirkung von Arzneimitteln geht

Wie trägt Ihre Arbeit dazu bei, Herausforderungen aus der Praxis zu lösen und Innovationen für die Hansebelt-Region zu gestalten? 

Einfluss von Ernährung auf Arzneimittelwirkung

Die Forschung zum Einfluss von Ernährung auf Arzneimittelwirkungen ist deshalb hochrelevant, weil viele Menschen täglich Medikamente einnehmen und gleichzeitig ganz selbstverständlich essen und trinken. Vielen ist jedoch nicht bewusst, dass bestimmte Lebensmittel die Aufnahme, den Abbau oder die Wirkung von Arzneimitteln beeinflussen können. Gerade bei chronischen Erkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Gerinnungsstörungen ist die richtige Abstimmung zwischen Ernährung und Medikation entscheidend für den Therapieerfolg. Für Patientinnen und Patienten bedeutet diese Forschung mehr Sicherheit, bessere Wirksamkeit und eine höhere Lebensqualität im Alltag.

Wirtschaftlich ist dieses Thema ebenfalls bedeutsam, weil vermeidbare Nebenwirkungen und Fehlmedikationen erhebliche Kosten im Gesundheitssystem verursachen. Durch wissenschaftlich fundierte Ernährungsempfehlungen lassen sich Krankenhausaufenthalte und Komplikationen reduzieren. Gleichzeitig entstehen neue Innovationsfelder an der Schnittstelle von Pharmaindustrie, Ernährungswissenschaft und personalisierter Medizin. Unternehmen können ergänzende Beratungsangebote, digitale Tools oder spezifische Ernährungskonzepte entwickeln, die Therapien sinnvoll unterstützen.

Digitale Ernährungstherapie

Digitale Ernährungstherapie ermöglicht es Menschen, ihre Ernährung strukturiert zu analysieren und individuell anzupassen – unabhängig von Ort und Zeit. Über Apps oder digitale Programme können Nutzerinnen und Nutzer Mahlzeiten dokumentieren, Rückmeldungen erhalten und Fortschritte nachvollziehen. Digitale Lösungen fördern die Eigenverantwortung und machen Ernährungstherapie alltagstauglicher, weil sie flexibel, niedrigschwellig und häufig kostengünstiger zugänglich sind als klassische Beratungsangebote.

Aus wirtschaftlicher Perspektive stellt die digitale Ernährungstherapie ein stark wachsendes Innovationsfeld dar. Digitale Gesundheitsanwendungen können dazu beitragen, Erkrankungen vorzubeugen oder besser zu kontrollieren, was langfristig Kosten im Gesundheitssystem senkt. Gleichzeitig entstehen neue Geschäftsmodelle für Start-ups, Technologieunternehmen, Krankenkassen und etablierte Gesundheitsdienstleister. Datengestützte Anwendungen ermöglichen zudem eine kontinuierliche Weiterentwicklung personalisierter Angebote und stärken die Wettbewerbsfähigkeit im Gesundheitsmarkt.

Pflanzliche Fleisch- und Milchalternativen

Pflanzliche Fleisch- und Milchalternativen gewinnen im Alltag vieler Menschen an Bedeutung, weil sich Ernährungsgewohnheiten verändern. Forschung und Entwicklung sind hier entscheidend, um Produkte zu schaffen, die geschmacklich überzeugen, eine attraktive Textur aufweisen und gleichzeitig ernährungsphysiologisch ausgewogen sind.

Wirtschaftlich handelt es sich um eines der dynamischsten Segmente der Lebensmittelbranche. Unternehmen investieren intensiv in neue Proteinquellen, innovative Herstellungsverfahren und Produktoptimierungen. Gleichzeitig entstehen neue Wertschöpfungsketten im Bereich pflanzlicher Rohstoffe. Der wachsende Markt schafft Exportchancen, zieht Investitionen an und erhöht den Innovationsdruck auf traditionelle Fleisch- und Molkereibetriebe. Insgesamt trägt dieser Bereich zur Diversifizierung und Zukunftsfähigkeit der Lebensmittelwirtschaft bei.

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An welcher Innovation arbeiten Sie aktuell?

In einem laufenden Projekt geht es darum, die optimale Nährstoffanreicherung von pflanzlichen Milchalternativen zu entwickeln. Dabei wird untersucht, welchen Anteil Mikronährstoffe wie Vitamin B12, Calcium, Iod und Vitamin D aus Milch und Milchalternativen haben, ob und in welchen Mengen die Anreicherung sinnvoll ist, und wie die Vorteile von angereicherten Produkten kommuniziert werden können.

In einem weiteren Projekt geht es darum, ein digitales Konzept für die ernährungstherapeutische Begleitung von Menschen zu entwickeln und zu implementieren, die die sog. „Abnehmspritze“ anwenden; diese professionelle Begleitung ist essenziell, um die Verträglichkeit und Wirksamkeit der Therapie zu steigern und langfristige Ernährungsrisiken durch die Anwendung zu reduzieren. Dazu gehören auch Programme zur Entwicklung angepasster Lebensmittel und Nahrungsergänzungsmittel.

Worin genau sehen Sie den Mehrwert von Projekten, die Praxis und Forschung verbinden?

Projekte, die Praxis und Forschung eng miteinander verknüpfen, schaffen einen entscheidenden Mehrwert, weil sie wissenschaftliche Erkenntnisse unmittelbar an realen Bedürfnissen und Herausforderungen ausrichten. Forschung ohne Praxisbezug kann zwar theoretisch sehr fundiert sein, läuft jedoch Gefahr, an den tatsächlichen Anforderungen von Unternehmen, Patientinnen und Patienten oder Verbraucherinnen und Verbrauchern vorbeizugehen.

Wenn Wissenschaft und Wirtschaft hingegen frühzeitig zusammenarbeiten, entstehen Lösungen, die praxistauglich, anwendbar und marktfähig sind.

Ein zentraler Vorteil solcher Transferprojekte liegt in der Geschwindigkeit und Effizienz des Innovationsprozesses. Erkenntnisse aus der Forschung können schneller in Produkte, Dienstleistungen oder Versorgungskonzepte überführt werden. Gleichzeitig fließen praktische Erfahrungen direkt zurück in die wissenschaftliche Arbeit, wodurch Fragestellungen geschärft und Forschungsansätze realitätsnäher gestaltet werden. Dieser wechselseitige Austausch erhöht die Qualität und Relevanz der Ergebnisse.

Darüber hinaus reduzieren praxisnahe Forschungsprojekte wirtschaftliche Risiken. Unternehmen können Innovationen frühzeitig testen, evaluieren und anpassen, bevor sie in großem Maßstab implementiert werden. Das steigert die Erfolgschancen neuer Technologien oder Geschäftsmodelle. Für die Wissenschaft wiederum bedeutet die Zusammenarbeit mit Praxispartnern Zugang zu realen Daten, Anwendungsfeldern und Infrastrukturen, die im rein akademischen Kontext oft nicht verfügbar wären.

Ein weiterer Mehrwert liegt in der gesellschaftlichen Wirkung. Projekte mit starkem Transferbezug tragen dazu bei, wissenschaftliche Erkenntnisse schneller für die Bevölkerung nutzbar zu machen – sei es in Form besserer Gesundheitsangebote, nachhaltiger Produkte oder effizienterer Prozesse. Damit leisten sie nicht nur einen Beitrag zur Innovation, sondern auch zur Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen und zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen.

Zusammengefasst kann man sagen: Der Mehrwert entsteht dort, wo wissenschaftliche Exzellenz auf praktische Umsetzbarkeit trifft. Genau diese Verbindung sorgt dafür, dass Forschung nicht im Labor endet, sondern konkrete Wirkung in Wirtschaft und Gesellschaft entfaltet.

Welche Art von Kooperation oder Austausch mit der Wirtschaft suchen Sie gerade? 

Aktuell suche ich gezielt Projektpartnerinnen und Projektpartner aus der Lebensmittelwirtschaft, die Interesse daran haben, innovative Produkte für Menschen zu entwickeln, die sogenannte „Abnehmspritzen“ nutzen.

Diese Medikamente verändern unter anderem Appetit, Sättigungsgefühl und teilweise auch Geschmackswahrnehmung. Dadurch entstehen neue Anforderungen an die Zusammensetzung, Portionsgröße, Nährstoffdichte und sensorische Gestaltung von Lebensmitteln.

Viele Anwenderinnen und Anwender berichten beispielsweise von einem deutlich reduzierten Hungergefühl. Das kann dazu führen, dass insgesamt weniger gegessen wird – mit dem Risiko einer unzureichenden Nährstoffversorgung, insbesondere bei Protein, Mikronährstoffen oder Ballaststoffen. Hier sehe ich großes Potenzial für personalisierte, funktionelle Lebensmittel, die gezielt auf diese veränderten Bedürfnisse abgestimmt sind: etwa hoch-nährstoffdichte Produkte in kleinen Portionen, proteinoptimierte Konzepte oder sensorisch angepasste Rezepturen.

Ich suche daher Unternehmen, die bereit sind, gemeinsam evidenzbasierte Produktkonzepte zu entwickeln, diese wissenschaftlich zu begleiten und idealerweise auch in Pilotstudien zu testen. Besonders interessant sind Partner aus den Bereichen funktionelle Lebensmittel, Ready-to-eat-Produkte, klinische Ernährung oder innovative Proteinquellen.

Mir ist wichtig, dass die Kooperation nicht nur produktorientiert ist, sondern auch wissenschaftlich fundiert erfolgt. Das bedeutet: gemeinsame Studien, Datenauswertung, Evaluation der Akzeptanz und Wirksamkeit sowie die Entwicklung klarer Qualitäts- und Gesundheitsstandards. Ziel ist es, einen echten Mehrwert für die betroffenen Menschen zu schaffen und gleichzeitig neue Marktsegmente verantwortungsvoll und nachhaltig zu erschließen.

Ich bin überzeugt, dass in diesem Bereich in den kommenden Jahren ein stark wachsendes Innovationsfeld entsteht – und dass eine enge Zusammenarbeit zwischen Forschung und Lebensmittelwirtschaft entscheidend ist, um hier qualitativ hochwertige Lösungen zu entwickeln.

Was hilft Ihnen persönlich dabei, neue Ideen und Innovationen umzusetzen?

Für mich beginnt Innovation immer mit echter Neugier und der Bereitschaft, Bestehendes zu hinterfragen. Ich versuche bewusst, Probleme nicht nur aus einer fachlichen Perspektive zu betrachten, sondern interdisziplinär zu denken. Der Austausch mit Menschen aus unterschiedlichen Bereichen – Wissenschaft, Wirtschaft, Praxis oder Technologie – eröffnet oft neue Blickwinkel und führt zu unerwarteten Lösungsansätzen.

Ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeitsweise ist es, Ideen frühzeitig zu konkretisieren und greifbar zu machen. Anstatt lange theoretisch zu planen, arbeite ich gerne mit Prototypen oder Pilotprojekten. Kleine, testbare Schritte helfen dabei, Annahmen zu überprüfen und schnell zu lernen. Dieses iterative Vorgehen – also entwickeln, testen, anpassen – reduziert Risiken und beschleunigt den Innovationsprozess.

Darüber hinaus hilft mir eine klare Zielorientierung. Ich frage mich bei neuen Ideen immer: Welches konkrete Problem lösen wir? Für wen schaffen wir einen Mehrwert? Diese Fokussierung verhindert, dass man sich in theoretischen Möglichkeiten verliert. Gleichzeitig ist es wichtig, offen für Feedback zu bleiben und auch kritische Rückmeldungen als Chance zur Verbesserung zu verstehen.

Ein weiterer Erfolgsfaktor ist für mich ein vertrauensvolles Teamumfeld. Innovation entsteht selten allein. Wenn Menschen sich trauen, unausgereifte Ideen zu äußern, Fehler offen anzusprechen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln, entsteht eine kreative Dynamik.

Schließlich spielt auch Erfahrung eine Rolle: Mit der Zeit entwickelt man ein besseres Gespür dafür, welche Ideen tragfähig sind, welche Partner man braucht und welche Rahmenbedingungen entscheidend sind. Diese Kombination aus Neugier, strukturiertem Vorgehen, Offenheit für Feedback und guter Zusammenarbeit hilft mir persönlich dabei, Innovationen erfolgreich umzusetzen.

Copyright Headerbild: Hanna Lenz Fotografie

Kontakt
Prof. Dr. Martin Smollich
Leiter AG Pharmakonutrition, Institut für Ernährungsmedizin am UKSH Campus Lübeck / Universität zu Lübeck
Tel.: 0451 31018401
Julia Hüschelrath
Kommunikationsmanagerin
Tel.: 0451 3101 1156
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