Innovative Minds #08
Kerstin rönick
Wie entstehen Innovationen zwischen Praxis und Forschung? In unserer Reihe "Innovative Minds" stellen wir Menschen aus Wissenschaft und Wirtschaft vor, die mit ihrer Arbeit Innovationen für die Hansebelt-Region vorantreiben. Diesmal: Kerstin Rönick, Innovations- und Transfermanagerin im Referat Technologietransfer der Universität zu Lübeck (UzL).
Wie sieht Ihr Aufgabenbereich aus?
Als Innovations- und Transfermanagerin im Referat Technologietransfer der Universität zu Lübeck und im campusweiten Projekt "Hansebelt Innovationsmatrix" bin ich zentrale Ansprechpartnerin für alle, die Forschung und Praxis gemeinsam gestalten möchten. Mein Ziel ist es, Wissenschaftler*innen, Unternehmer*innen, Digitalisierungs- und Produktmanager*innen sowie andere Beteiligte aus Wirtschaft und Forschung miteinander zu vernetzen – und zwar dort, wo sich Bedarfe und Kompetenzen treffen.
Für Unternehmen bin ich eine erste Anlaufstelle für die Forschungsinstitutionen des Hanse Innovation Campus Lübeck (HIC Lübeck): zum Beispiel, wenn eine Firma nach wissenschaftlicher Erforschung einer technischen Herausforderung sucht, nach neuen Produktideen oder nach Zugang zu spezialisiertem Forschungswissen. Ich verbinde sie mit passenden Forschenden und berate, welche Formen der Kooperation mit dem Forschungs- und Innovationsverbund HIC Lübeck möglich sind.
Gleichzeitig arbeite ich eng mit regionalen Wirtschaftsförderungen zusammen, um Transferaktivitäten zu verstärken und die Vernetzung über die Grenzen des HIC Lübeck hinaus zu fördern. Meine Arbeit ist also nicht nur administrativ, sondern auch strategisch: Ich entwickle Formate wie Lunch Pitches und Campustouren, die Unternehmen und Forschende zusammenbringen – dort, wo Innovationen gebraucht werden.
Externer Inhalt
Wie trägt Ihre Arbeit dazu bei, Herausforderungen aus der Praxis zu lösen und Innovationen für die Hansebelt-Region zu gestalten?
Durch meine Arbeit öffne ich Türen zu Kontakten und zu Wissen – zwei wichtige Voraussetzungen, um Herausforderungen zu stemmen und die richtigen Partner*innen und Ansatzpunkte für Innovationen zu finden. Denn die Lösung von Praxisproblemen beginnt in der Regel nicht direkt mit einem großen Forschungsprojekt. In der Regel beginnt sie mit einem Gespräch, einer gemeinsamen Veranstaltung oder einem offenen Blick in ein Labor. Deshalb haben wir konkrete Formate entwickelt, die genau darauf abzielen.
Wir vermitteln Wissen, geben Einblicke, bauen Vertrauen auf und senken Hürden für die Zusammenarbeit zwischen Forschung und Praxis.
Ein Beispiel ist unser Lunch Pitch, den wir in Kooperation mit Wirtschaftsförderungen anbieten – ein kurzes, praxisnahes Format, bei dem drei Wissenschaftler*innen jeweils 15 Minuten lang ihre Forschungsthemen vorstellen. Unternehmen aus der Region werden eingeladen, um direkt mit Forschenden ins Gespräch zu kommen. Keine langen Präsentationen – nur klare, verständliche Inputs und die Möglichkeit, erste Kontakte zu knüpfen. Die Treffen finden direkt bei Unternehmen vor Ort oder in den Wirtschaftsförderungen statt. So hat beispielsweise die BUHCK Gruppe nach einem Lunch Pitch ihre erste Kooperation mit Forschenden vom HIC Lübeck initiiert. Die ARNESS GmbH & Co. KG war bereits bei einem Lunch Pitch in Bad Oldesloe dabei – und später entstand eine enge Zusammenarbeit.
Ein weiteres Format ist die Campustour: Wir führen Unternehmer*innen durch ausgewählte Labore der Technischen Hochschule Lübeck, Universität zu Lübeck, Fraunhofer IMTE und dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) und zeigen ihnen gemeinsam mit Forschenden, was möglich ist – von der Mikrobiologie bis zur digitalen Produktentwicklung. Diese direkten Einblicke regen oft zu neuen Fragen an, die dann in Kooperationen münden können.
Auch bei Hackathons wie dem Hanseatic Hackathon sehen wir konkrete Wirkung: Firmen bringen ihre Herausforderungen mit, Studierende und Forschende entwickeln Lösungen – und manchmal entsteht daraus ein ganzes Projekt.
Wo wird Ihre strukturelle und strategische Arbeit greifbar?
Meine Arbeit zeigt sich nicht nur in einzelnen Projekten – sondern in der strukturierten Vernetzung, die erst durch meine Koordination möglich wird. Ich bringe die richtigen Menschen zusammen und schaffe die Rahmenbedingungen, damit diese Begegnungen fruchtbar werden.
Ein klares Beispiel ist die Förderung von Abschlussarbeiten im Praxisbezug. Wenn ein Unternehmen eine konkrete Fragestellung hat – etwa zur Prozessoptimierung – und ich diese an eine Professor*in weitergebe, kann es sein, dass sich Studierende finden, die genau an diesem Thema arbeiten. So entstehen nicht nur wertvolle Abschlussarbeiten, sondern auch erste Kooperationen, die später wachsen können.
Auch die Firmen, die sich über unsere Veranstaltungen kennengelernt haben, sind ein Indikator für meine strategische Arbeit: Wir verfolgen, wie die geknüpften Kontakte weiter verlaufen. Das braucht Zeit, wir sehen jedoch klare Erfolge durch niedrigschwellige Angebote, die ein erster Türöffner sind.
Aber nicht nur große Projekte zählen: Oft sind es die kleinen, unvermuteten Momente – wenn ein Unternehmen mich anruft, weil es eine spezifische Frage hat, und ich mit Kontakten weiterhelfen kann. Diese Momente sind Teil der strategischen Arbeit: Sie zeigen, dass der HIC Lübeck nicht nur ein Ort der Forschung ist, sondern ein lebendiges Netzwerk, das auf Vertrauen und Nähe basiert.
Was hilft Ihnen persönlich dabei, neue Ideen und Innovationen umzusetzen?
Meine größte Stärke ist der direkte Austausch. Ich glaube nicht an "Ideen aus der Luft" – sondern an Innovationen, die entstehen, wenn Menschen miteinander reden und Fragen stellen. Als Netzwerkmanagerin lebe ich von Gesprächen mit Kolleg*innen, mit Unternehmer*innen und mit Forschenden.
Diese kollaborative Herangehensweise ist entscheidend. Wenn man gemeinsam an einer Idee arbeitet, mit Freude, mit Neugier, dann entstehen Lösungen, die über die reine Fachkompetenz hinausgehen. Es ist nicht nur Fachwissen – es ist gemeinsames Denken, das neue Lösungen entstehen lässt.
Und genau das ist mein Ansatz: Ich bin nicht nur Vermittlerin, sondern Mitgestalterin – die die richtigen Fragen stellt und den Raum schafft, in dem Innovationen entstehen können.
Worin genau sehen Sie den Mehrwert in einer Zusammenarbeit aus Praxis und Forschung?
Der Mehrwert einer Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft ist vielschichtig – und oft unterschätzt.
- Erstens: Forschung antizipiert zukünftige Herausforderungen. Wenn Unternehmen mit Forschenden arbeiten, bekommen sie frühzeitig Einblicke in Trends, neue Technologien und mögliche Anpassungsbedarfe – lange bevor diese in der Praxis relevant werden.
- Zweitens: Unternehmen ohne eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung (F&E) erhalten Zugang zu Ressourcen, die sonst unerreichbar wären. Von spezialisiertem Equipment über Messmethoden bis hin zu Expert*innenwissen – all das kann über Kooperationen genutzt werden.
- Drittens: Forschung wird durch die Praxis gestärkt. Ohne praktische Anwendung bleibt Wissen oft theoretisch. Industrieprojekte geben Forschenden Rückmeldungen, zeigen, wo die Grenzen liegen – und motivieren, weiterzumachen.
- Viertens: Die Verknüpfung von Abschlussarbeiten mit realen Problemen ist ein echter Gewinn. Studierende lernen, was in der Praxis wirklich zählt – und Unternehmen erhalten frische Ideen und Lösungen, oft mit geringem Aufwand.
Und schließlich: Es entsteht ein gegenseitiger Denkweisen-Austausch. Forschende lernen, wie ihre Ergebnisse in der Praxis ankommen – und Unternehmer*innen erfahren, wie Forschung funktioniert. Dieser Austausch bringt beiden Seiten konkrete Erkenntnisse und fördert innovatives Denken.
Daher: Ein kontinuierlicher Austausch und vielfältige Berührungspunkte sind der Schlüssel. Und genau hier setze ich an: Ich schaffe diese Berührungspunkte – und stelle sicher, dass Wissen nicht nur in Büchern bleibt, sondern in der Praxis ankommt.
Dieses Interview ist Teil des Verbundprojekts HI Lübeck auf dem Hanse Innovation Campus Lübeck. Das Projekt wird gefördert durch das BMFTR-Programm Innovative Hochschule. Mehr Informationen: www.hic-luebeck.de/hi
Grafik und Video: © Julia Hüschelrath | HIC Lübeck
